Auf dem Dach Belgiens

Das Wetter Mitte Juli

Eigentlich wollte ich mal einen Urlaub im sommerlichen Mitteleuropa verbringen. Mir hätte vorher klar sein müssen, dass das nur in einer Woche Unwetter über ganz Deutschland münden konnte, wie wir es die ganze letzte Woche erlebt haben :) .

Das Hohe Venn

Eigentlich wollte ich letzte Woche ein paar Tage in Belgien verbringen, um das hohe Venn zu besuchen. Das habe ich heute nachgeholt, wenn auch nur mit einer Tagestour. In den Ardennen wurde es nass; die Wolken hingen so tief, dass man von den Windkraftanlagen direkt an der Autobahn die Rotorblätter nur jeweils an ihrem tiefsten Punkt sehen konnten, bevor sie beim Aufsteigen wieder gänzlich in der Nebelwand verschwanden. Am hohen Venn regnete es aber glücklicherweise nur noch kurz, bevor es unter der immer wieder aufreißenden Wolkendecke leicht schwül wurde. Wärmer hätte ich es gar nicht haben wollen. In die Medien kam das Hohe Venn vor allem im April 2011, als ein Brand große Teile des Gebietes verwüstete.

Die Einzelflächen sind in die Kategorien A bis D eingeteilt. Während A-Flächen weitestgehend frei zugänglich sind, dürfen die B-Flächen nur auf den eingerichteten Wegen begangen werden. C-Gebiete können nur mit Führer besucht werden, und D-Gebiete sind komplett gesperrt. Zudem werden einzelne Streckenabschnitte bei Bedarf gesperrt (rote Wimpel), beispielweise bei Trockenheit oder im Frühjahr und Frühsommer, um seltenen Tierarten (wie dem Birkhahn) die benötigte Ruhe zu sichern.

Die Wege

Viele Besucher beginnen ihre Rundgänge an der Baraque Michel bzw. der nebenan gelegenen Kapelle Fischbach.

Über weite Strecken wurden Holzstege errichtet, um das Hochmoor für die Besucher zugänglich zu machen, gleichzeitig aber die negativen Auswirkungen in Grenzen zu halten. Teils wurden gar Geländer angebracht, wodurch die Einrichtungen schon fast den Charakter eines Abenteuerspielplatzes haben.

Die Einrichtung und Wartung scheint mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden zu sein. Ich weiß nicht genau, welches Holz dabei Verwendung findet, es ist jedoch nicht sehr dauerhaft (es könnte Fichte sein, es sieht aber eher nach Esche aus, was ich aber wiederum für sehr unwahrscheinlich halte), weshalb die Stege an vielen Stellen defekt sind und ausgebessert werden müssen. Es gibt dauerhafte Hölzer (wie Lärche oder gar Eiche), aber die sind wahrscheinlich aufgrund der schieren Menge des benötigten Materiales unbezahlbar.

Anschließend kommen die Einwohner vorbei und prüfen die ordnungsgemäße Ausführung der Arbeit.

Speziell wenn es (wie in diesem Tagen) noch recht nass ist, sind die Stege rutschig. Andere Wege sind teils matschig bzw. werden von Wasser überflossen. Anständiges Schuhwerk (Wanderstiefel) sind auf jeden Fall empfehlenswert, um Verletzungen vorzubeugen.

Es gibt aber auch Abschnitte, die recht entspannt zu gehen sind.

Die Fichtenmonokulturen

Ich weiß nicht sonderlich viel über die Geschichte des Areals. Ich habe den Teil südlich der Baraque Michel besucht, der laut einer Informationstafel mitnichten natürlichen Ursprungs ist. Bis ca. 1200 fanden sich hier Buchen-, Eichen- und Birkenwälder. Bis um 1900 wurden die Wälder gerodet, Torf abgebaut sowie Weide- und Landwirtschaft betrieben. Bis ca. 1970 wurde dann massiv mit Fichte aufgeforstet. Seitdem wird ein immer größer werdender Raum für den Natur-, Boden- und Wasserschutz sowie die Naherholung genutzt.

Eigentlich dachte ich, dass wir uns generell von der Forstwirtschaft mit Kahlschlag und Monokulturen verabschiedet hätten. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Es gibt mehrere Flächen junger Fichtenmonokulturen und ferner Kahlschlagflächen, die wiederum frisch mit Fichten aufgeforstet werden, obwohl direkt nebenan erst ein paar Fichten sturmbedingt umgefallen sind.

Die Kleinsträucher

Eine Informationstafel weist darauf hin, dass sich nach dem Abholzen gerne Kleinsträucher ansiedeln. Auf der Tafel finden sich dann auch gesammelt die Unterscheidungsmerkmale:

  • Die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) hat viereckige grüne Stengel und trägt blaue Beeren mit rotem Fruchtfleisch.
  • Die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) hat runde braune Stengel und trägt blaue Beeren mit weißem Fruchtfleisch.
  • Die Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) trägt eine rote Frucht und behält im Winter ihre Blätter.

Die Fauna und Flora

Trotz des eher schlechten Wetters gab es eine Menge an Tieren zu beobachten. Für die Bilder habe ich mit nicht wirklich Zeit genommen. Fast alle sind aus der Hand mit dem 50-200mm-Telezoomobjektiv (T50200IB) der Samsung NX30 Systemkamera entstanden, wobei ich eifrig die Kameraautomatik in Anspruch genommen habe. Ich war schlicht zu fault, den Rucksack abzusetzen, das Objektiv zu wechseln, das Stativ aufzubauen, nur um dann festzustellen, dass sich das Objekt der Begierde mittlerweise klammheimlich entfernt hat. Ich kann inzwischen verstehen, dass für solche Touren das 18-200mm-Kompromissobjektiv (L18200MB) trotz seiner Schwächen eine komfortable Sache ist.

Keine Bilder also, in denen wirklich Arbeit steckt, aber sie geben dennoch einen guten Eindruck der heutigen Tour.

Speziell die Bilder mit Tieren sind allesamt zugeschnitten, was Dank der hohen Auflösung der Kamera ohne allzu schlimmes Sichtbarwerden von JPEG-Artefakten geklappt hat.

Ich bin überrascht, dass die Bilder zumindest so gut geworden sind – ich hatte schlimmeres erwartet.

Das Klima

Gleich um die Ecke befindet sich mit dem Signal de Botrange der höchste Punkt Belgiens. Die vom Atlantik kommenden Luftmassen kühlen sich hier ab, um das Hindernis zu überwinden. Dadurch bilden sich Wolken und es kommt zu hohen Niederschlagsmengen. Eine Informationstafel gibt die Regenmenge mit 1435mm pro Jahr an (Brüssel 835), es gibt an 76 Tagen Schnee, an 115 Tagen Frost und an 176 Tagen Nebel. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 6,1°C (Brüssel 9,4).

Das Brauwasser

Dieses Bild ging natürlich nicht mehr aus der Hand, aber glücklicherweise gab es einen Holzsteg mit Geländer.

Das Wasser ist schön rostbraun und bildet gerne Schaumkronen aus. Eine Informationstafel liefert ein paar Erklärungen. Das in den Torfgebieten stehengebliebene Wasser ist recht sauer und enthält wenig Mineralstoffe. Daher gibt es in den Bächen auch nur wenig Leben (wenig Algen und Moose, ein paar Wirbellose). Das Wasser enthält pflanzliche Saponine und ungesättigte Fettsäuren, die für die Schaumbildung sorgen. Der Schaum fühlt sich angeblich fettig an.

Das OpenStreetMap-Datenmaterial

Im Vorfeld war ich begeistert, wie detailliert die OSM-Daten schon sind. Ich habe daher vor Ort nicht allzu viele Aufzeichnungen gemacht. Mittlerweile ärgert mich diese Nachlässigkeit. Einige Wege wurden nur nach Satellitenbildern eingezeichnet und entsprechen mitnichten dem derzeitigen Zustand vor Ort. POIs fehlen noch oder befinden sich am falschen Ort. Pfade wurden direkt in der Mitte von Brücken angeschlossen, obwohl sie mehrere Meter hinter der Brücke beginnen. Anhand des Datenmaterials ist nicht erkennbar, in welcher Zone (A bis D) sich ein Weg befindet. Durch Rodung von Fichtenbeständen vor Ort zur Ausweitung der Moorflächen stimmen die landuse-Polygone wahrscheinlich auch nicht mehr so richtig. Und das Editieren macht aufgrund der Multipolygonrelationen und Wege, die über Polygonkanten laufen, nur bedingt Spaß. Schmale Trampelpfade sind als tracktype=grade3 angelegt, und ein asphaltierter Weg ist “nur” als tracktype=grade2 eingetragen. Streiten kann man sich, ob die Holzstege als path mit surface=wood oder gleich komplett als bridge=yes getagged werden sollten. Ich tendiere fast zu letzterem.

Ich bin sehr sehr dankbar um die vorhandenen Daten, aber wenn ich sie vorher auf mein N900 geladen hätte, hätte ich sie heute vor Ort entscheidend verbessern können. Denn osm2go ist, obwohl schon lange nicht mehr gepflegt, nach wie vor einer der besten mobilen Editoren. Ich entschuldige mich damit, dass ich heute morgen recht früh aus dem Bett gefallen bin und mich sehr spontan zu dieser Tour entschlossen habe.

Die Navigation mit OsmAnd

Ich komme immer besser mit OsmAnd zurecht. Es passieren aber immer noch komische Dinge. In Maikammer fehlt eine VR-Bank, die es schätzungsweise geben dürfte (ich habe gerade einen entsprechenden Hinweis gesetzt). Im Nachbarort waren die Sprachanweisungen so unglücklich, dass ich letztendlich “auf Sicht” gefahren bin.

Da OsmAnd mit längeren Routen Probleme hat, habe ich mir eine von OSRM ausgeben lassen, die auch ziemlich gut war. Die kann OsmAnd für die Sprachausgebe verwenden. Spitzenfeature. An einer Autobahnkreuzung bin ich jedoch dummerweise vorbeigeschossen (Sprachausgabe auf Höhe der Abfahrt). Das liegt schätzungsweise am schlechten GPS-Empfänger in meinem Mobiltelefon und an der Tatsache, dass das Gerät in der Mittelkonsole lag. Das Rückführen auf die Originalroute führte jedoch zu weit zurück und kostete mich einiges an Zeit.

Das Routing auf dem Rückweg wollte ich von OsmAnd erledigen lassen. Das führte zu unverständlichen Fehlermeldungen (die ich leider nicht notiert habe). Außerdem habe ich in der Kartenansicht von Rad- auf Autoprofil umgestellt, die Zieladresse ausgesucht und um Routenermittlung gebeten. Heraus kam wieder das Radprofil mit entsprechender Route – unbrauchbar. Nachdem ich »Auto« als Standard eingestellt hatte, kam keine Route heraus, weshalb ich beschloss, nach Wegweisern zu fahren. Wenig später begann dann Osmand unerwarteterweise gesprächig zu werden und brachte mich zielstrebig nach Hause. Super.

Am Wochenende hatte ich versucht, OsmAnd mit Android Studio (eine Variante von IntelliJ) zu bauen, was nicht mal eben auf die Schnelle zu bewerkstelligen war. Denn Osmand nutzt (verständlicherweise) eine ältere API, allerdinge mit einer speziellen Aufwärtskompatibilitätsbibliothek, um neuere API-Funktionen nutzen zu können. Das habe ich nicht sauber konfiguriert bekommen, was allerdings ausschließlich an meinem mangelnden Android-Know-How liegt.

Wie dem auch sei, ich würde OsmAnd gerne besser verstehen und dann den ein oder anderen Patch einreichen wollen. Dazu muss ich aber erstmal den Source überhaupt kompiliert bekommen.

Das Fazit

Das war heute eine spontane “Gewalttour”, die sehr viel Spaß gemacht hat. Ich habe mit OsmAnd und meiner Kamera spielen können, OpenStreetMap-Daten verbessert, viele schöne Tiere gesehen, den Duft des Moores genossen, bin nicht (bzw. kaum) nass geworden, war “mal kurz eben schnell” in Belgien und habe – oh Wunder – für den Trip ganz kurzfristig bei Stadtmobil noch ein Auto bekommen. Perfekt :) .