Neulich, im deutschen Mittelklasserestaurant

Dishes (openclipart.org, public domain)

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Die nachfolgende Konversation habe ich nicht aufgezeichnet und gebe sie daher aus der Retrospektive wieder. Sie ist daher sicher etwas überspritzt dargestellt.

»Was darf ich Ihnen bringen?«
»Äh…die Karte?«
»Gerne.«
»Haben Sie heute zufällig ein Gericht außerhalb der Karte?«
»Nein, es steht alles in der Karte.«
»OK, danke.«
»Es gibt noch einen Wildschweinbraten, der nicht auf der Karte steht.«
»Ah. Was kostet der Braten?«
»Das selbe wie der Rehbraten.«
»Und wieviel kostet der?«
»Da müssen wir in die Karte schauen…«
»Hm, nein, dann nehme ich eine Cola und die geschmorte Hasenkeule.«
[…etwas später]
»Ich hätte gerne ein Radler.«
[…noch später]
»Hm, hatte ich das jetzt richtig in Erinnerung?«
»Also ich hatte ein Radler bestellt, keine Cola.«

Es sind dies die Momente, die das Leben so lebenswert machen. Weil sie mich mit Heiterkeit erfüllen. Die Dame arbeitet dort schon länger. Der Job ist immer der selbe: Kunde kommt, Kunde studiert Karte, Kunde bestellt Getränk, Kunde bestellt Essen, Kunde bekommt Ware, Kunde verzehrt Ware, Kunde zahlt, Kunde geht.

Und dennoch hat sie sich trotz fortgeschrittenen Alters ihre jugendliche Naivität bewahrt. Kein Anflug von routinierter Abfertigung – es ist, als würde sie dort den ersten Tag arbeiten. Einerseits ist es schön, nicht bloß als Tisch- bzw. Kundennummer wahrgenommen zu werden. Andererseits ist die Fehlerquote beeindruckend – es war nämlich an diesem Mittwoch Abend nicht sonderlich viel los; es befanden sich gerade mal vier Gäste im Restaurant (was nicht zuletzt dem anstehenden Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ghana geschuldet gewesen sein dürfte).

Selbstverständlich habe ich sie abschließend mit einem guten Trinkgeld bedacht. Schließlich hat sie sich Mühe gegeben. Das abgestandene Cola mit der beeindruckenden Schaumkrone, das ich vor dem Radler trank? Schwamm ‘drüber. Die geschmorte Hasenkeule, die ich statt des Wildschweins bestellte und die schon reichlich trocken und salzig daherkam? Da konnte sie nichts dafür.

Und die Lehre aus der Geschicht’? Gehe niemals Mittwochs in einem Restaurant essen, das Montags und Dienstags Ruhetag hat :) .

Am einem Tisch in der Nähe saß ein einsamer Herr fortgeschrittenen Alters, der die beiden Gäste am Nachbartisch in ein Gespräch über den Fußball verwickelte. Die verdienten ja alle zuviel, und außerdem die vielen [Adjektiv entfernt] Neger da, das könne ja nichts werden. Ich überlegte einzuwerfen, dass der ein oder andere Afikaner durchaus Dinge auf die Kette bekäme, die so mancher Deutsche (sprich er) nicht hinbekämen. Nachdem die Leute am Nachbartisch zurückhaltend reagierten und ich die Diskussion als aussichtslos einschätzte, hielt ich mich zurück.

Im weiteren Verlauf der Diskussion stellte sich heraus, dass er aus Niederlauterbach stammt, einer französichen Gemeinde gleich hinter der deutschen Grenze. Auch wenn die Franzosen bei der WM kein tolles Bild abgegeben haben, stehen sie doch, anders als die Deutschen, als viel toleranteres Volk da. Franzose ist, wer sich französisch fühlt und französische Lebensart schätzt. Von dieser Einstellung könnten sich meine Landsleute noch mehrere Scheiben abschneiden.

Es sind dies die Momente, in denen ich mich zurücksehne nach meinem heimischen Rechner, von dem aus ich an verschiedensten Softwareprojekten mit den verschiedensten Leuten zusammenarbeite. Es ist mir dabei vollkommen egal, woher sie stammen und welcher Kultur sie angehören. Man teilt ein gemeinsames Interesse und arbeitet zusammen daran. Was juckt es da, ob die e-Mailadresse dabei auf .fr, .cz., .uk, .br oder .com endet? Interessante Menschen findet man überall auf der Welt. Außer vielleicht in Niederlauterbach. Wobei auch das nicht ausgeschlossen ist.

Ich verstehe mich als Kosmopoliten, und die Möglichkeiten, die uns die modernen Kommnunikationsmittel bieten, genieße ich sehr. Einfaltspinsel aus irgendwelchen Dörfern rund um den Globus stören dabei nur. Gleich nach dem Elternführerschein wäre ich für den Wahlführerschein. Ach, ein gefählicher Ansatz? Fürwahr. Aber wieso sollen wir für mißglückte Bildungspolitik mit der falschen Regierung bezahlen?

Es gibt Dinge, die wirklich schwierig zu akzeptieren sind.