Farbenspiele

Manchmal kann man ja schon durcheinanderkommen, also mit den Farben. Wie war nochmal die Bundesflagge? Schwarz, gelb, rot?

Ich bin in Bayern aufgewachsen, ein Bundesland, in dem man sich eigentlich nie vorstellen konnte, dass in der Regierung irgendjemand anderes sitzen könnte als jemand aus der Union. Dass die Flagge kein schwarz enthält, verwundert fast :) .

Ich lebe in Baden-Württemberg, ein Bundesland, in dem man sich eigentlich nie vorstellen konnte, dass in der Regierung irgendjemand anderes sitzen könnte als jemand aus der Union, und vielleicht noch jemand aus der Partei des jeweiligen Koalitionspartners. Dass die Flagge schwarz enthält, passt gut :) .

Plötzlich aber ist nichts mehr, wie es mal war. In Bayern muss die CSU eine Koalition eingehen.

Und Baden-Württemberg?

Die Union konnte sich bisher ihrer Stimmen halbwegs sicher sein und seit 1953 die Regierungsbildung übernehmen – 20 Jahre davon gar als alleinige Partei. Auch 2011 haben fast zwei von fünf Wählern der Union ihre Stimme gegeben – vor dem Hintergrund der Ereignisse der letzten Monate ein überraschend gutes Ergebnis. Unglücklicherweise hatten sich allerdings die Stimmenverhältnisse in den übrigen Lagern deutlich verschoben. SPD und Grüne können seit der heutigen konstituierenden Sitzung des Landtages einer zwar knappen, aber ausreichenden Mehrheit erfreuen – und haben sich zu einer gemeinsamen Koalition entschieden.

Und so kommt es ausgerechnet im Land der Schwaben zu einem historischen Ereignis. Die Grünen stellen mit Winfried Kretschmann zum ersten Male in ihrer Geschichte einen Ministerpräsidenten.

Ich bezweifle, dass eine grün-rote Regierung die Einwohner dieses Bundeslandes wirklich repräsentiert. Es ist auch keine optimale Regierungskonstellation. Aber für die nachfolgenden Generationen sind die Voraussetzungen geschaffen, endlich die dringend nötigen Veränderungen umzusetzen, die die Union schon viel zu lange nicht in Angriff genommen hat. Eine moderne Energiepolitik beispielsweise. Die Anpassung unseres Bildungssystemes und unserer Gesellschaft an die demographische Entwicklung. Eine moderne Verkehrspolitik, die nicht zuallererst auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet ist. Die Schaffung von mehr Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen.

Kretschmann hat sich viel vorgenommen. Er wird nicht alles davon umsetzen können. Er wird dabei anecken, gerade im eigenen Lager. Und realisitisch gesehen hat er kaum eine Chance auf eine Wiederwahl.

Aber er hat fünf Jahre Zeit. Und die heutige Wahl im Landtag hat gezeigt, dass ihm nicht nur Leute aus dem eigenen Lager einiges zutrauen.

Ich gebe zu, dass meine Mitbürger, an denen ich oft genug zweifle, mich überrascht haben: »Wir können alles. Auch mal anders.«