Neulich, auf dem Radfahrstreifen in der Karlstraße

Vielen bekannt ist das Karlsruher Modell in Bezug auf den Schienenverkehr. Als Bahnreisender im Nahverkehr ist der KVV wirklich spitze.

Karlsruhe hat sich in den vergangenen Jahren allerdings auch sehr viel Mühe gegeben, attraktiver für das Radfahren zu werden. Natürlich kann Karlsruhe noch nicht mit Münster oder gar Kopenhagen mithalten, aber die Ergebnisse wie Radfahrstreifen auf innerstädtischen Fahrbahnen und Haltegriffe an Ampelanlagen können sich sehen lassen. Karlsruhe setzt dabei auf ein Miteinander im Straßenverkehr statt einer Bevorzugung einzelner Verkehrsmittel (wobei das für Schienenfahrzeuge, die sich an Ampeln “grün holen” können, dankenswerterweise nicht unbedingt zutrifft :) ).

Uns allen muss aber auch klar sein, dass wir selbst die Rollen immer wieder wechseln. Als Autofahrer schimpfen wir über die Radfahrer. Sind wir Fußgänger, schimpfen wir über die Autofahrer. Als Radfahrer schimpfen wir über die Autofahrer.

Ich selbst fahre hauptsächlich mit dem Rad. Ich unterhalte kein KFZ. Falls nötig, buche ich ein Fahrzeug eines Auto-Teilen-Anbieters. Im Moment betreue ich ein Projekt außerhalb Karlsruhes und lege daher ausnahmsweise die Strecke zum Kunden mit dem Firmenwagen zurück. Und so passiert es selbst mir als leidenschftlichem Radfahrer, dass ich beim vorsichtigem Rechtsabbiegen einen Radfahrer übersehe und ihm die Vorfahrt nehme. Ich beobachte ferner Radfahrer, die eine rote Ampel gerne mal ignorieren, oder beim Um-die-Hausecke-biegen auf dem Fußweg mit einem entgegenkommenden Radfahrer kollidieren. Und es passiert auch mir, dass ich an einer unübersichtlichen Kreuzung auf dem Radweg auf der falschen Straßenseite lande und entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung unterwegs bin. Durch meine Arbeit an der Sprachausgabe für MoNav habe ich gelernt, dass es deutlich schwieriger ist, Routinginformationen für Radfahrer als für Autofahrer zu generieren – speziell durch die komplizierte Situation für Radfahrer an Kreuzungen.

Vor diesem Hintergrund bewerte ich auch die obige Abbildung einer Situation auf der Karlstraße. Anhand der Uhr kann man erkennen, dass es sich bereits am Abend ereignet hat, als der Verkehr bereits ruhiger geworden war. Ähnliche Fälle ereignen sich aber auch tagsüber. Für den Radfahrer ist die Situation äußerst riskant. Man muss in kurzer Zeit sehr viele Parameter verarbeiten. Kommt von hinten ein Fahrzeug? Kommt von hinten eine Bahn? Ist es trocken oder feucht? In welchem Winkel muss ich gegebenenfalls die Gleise nehmen?

Am Stammtisch könnte man argumentieren, die Fahrer der geparkten Fahrzeuge seien rücksichtslos. Würden Radfahrer ihre Fahrzeuge mitten auf der Fahrbahn abstellen, so dass die Kraftfahrzeugführer auf den Radweg ausweichen müssten, um vorbeizukommen, stünde es am nächsten Tag in einer großen Boulevardzeitung. Als überzeugter Konstruktivist kann ich mir allerdings auch vorstellen, dass die Fahrer der parkenden Fahrzeuge vielleicht selbst überzeugte Radfahrer sind und durch einen momentanen Rollenwechsel die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen.