Das dritte “Hilfspaket” für Griechenland

Während des dramatischen Wochenendes, an dem es um das Ausscheiden Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung geht, weile ich auf Rhodos und bleibe in Helmut Schmidts “Was ich noch sagen wollte” auf Seite 212 hängen.

1973 wurde die EG durch die Hinzunahme von Großbritannien, Irland und Dänemark von 6 auf 9 Staaten erweitert. Nach dem Fall der Militärregierungen in Portugal, Spanien und Griechenland Mitte der 1970er Jahre unterstützte Schmidt den Beitritt Portugals und Spaniens. Bei Griechenland war er aus ökonomischen Gründen nicht von der Richtigkeit überzeugt. Das war vor rund dreißig Jahren.

Für mich gehören die Griechen geographisch, kulturell und wirtschaftlich zu Europa. Ferner kann ich gut nachvollziehen, dass sich die Griechen ungern von außen zu Maßnahmen verpflichten lassen möchten, zumal wenn sie den Eindruck haben, dass es die falschen sind.

Dass sich Alexis Zipras heute Nacht vor dem Hintergrund der drohenden Zahlungsunfähigkeit Griechenlands gegen seine eigene Überzeugung erneut genau dazu durchgerungen hat, mag in der aktuellen Situation die richtige Entscheidung gewesen sein. Wird es auch helfen, dass die Griechen beginnen werden, ihr Gemeinwesen auf eine solidere Basis zu stellen?

Ich habe den Eindruck, hierfür fehlt es in der Bevölkerung an Rückhalt (man könnte es auch fehlendes Dringlichkeitsgefühl im Kotter’schen Sinne nennen). Das gilt erst recht seit heute Nacht. Denn die Maßnahmen sind die “der anderen”, und die Wähler sehen zuallererst einmal die negativen Auswirkungen, die es auf sie hat. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ich selbst in einer ähnlichen Situation intrinsisch motiviert zu Werke zu gehen würde.

Vielleicht ist Europa zu schnell gewachsen. Retrospektiv werden wir auch beurteilen können, ob der Zerfall bereits begonnen hat. Wir haben jedenfalls allen Grund, uns Sorgen zu machen.

Dem vergreisenden Europa dürfte es in den kommenden Jahrzehnten immer schwerer fallen, den gewohnten Frieden und den Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Griechenland hat daher keine weiteren 30 Jahre Zeit. Ich wünschte dem Land, dass es sich längst aus eigener Kraft auf den Weg gemacht hätte und die Griechen heute nicht als Bittsteller dastehen müssten. Also jetzt der nächste Anlauf, unter dem enormen Druck der anderen EU-Staaten.

Unmöglich ist es nicht. Aber es verlangte den Griechen wahrscheinlich mehr ab, als irgend eine Gesellschaft jemals geleistet hat. Ist das zu leisten?

Ich glaube, Griechenland kann das schaffen. Aber ohne Dringlichkeitsgefühl, eine Führungskoalition mit klarer Vision und so weiter wird es schwierig, die Bevölkerung zu mobilisieren.

Wie das Beispiel der baltischen Staaten zeigt sind außergewöhnliche Dinge möglich. Griechenland sollte sich helfen lassen. Das geht aber nur genau dann, wenn wir alle Griechenland den nötigen Respekt entgegenbringen. Niemand möchte sich helfen lassen von Menschen, die den Oberlehrer, den Besserwisser, den Zaungast (englisch Fencesitter) oder ähnliches geben möchten.

Edit: Inzwischen bin ich über einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen von Heinz. A. Richter gestolpert. Könnte sein, dass die Kultur deutlich hinderlicher ist als ich bisher vermutet habe. Er greift auf der fünften Seite unten auch das Problem auf, dass in oben genanntem Buch von Helmut Schmidt nachzulesen ist:

Die Europäer, allen voran Frankreichs Präsident Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt, wollten die Demokratisierung unterstützen und stimmten daher der Aufnahme zu, obwohl sie wussten, dass Griechenlands Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig war.