Der Herbst-Lockdown

Seit Wochen steigen die Infektionszahlen immer weiter an. Auch wenn es die südlichen und westlichen Bundesländer früher und stärker betroffen hatte, so ist die Entwicklung eingetreten, wie man es erwarten konnte – die nördlichen und östlichen Bundesländer sind mehr und mehr genauso betroffen.

Erneut überraschend spät wird daher ab nächster Woche ein erneuter “Shutdown” verhängt. Unter anderem schließen Restaurants und touristisches Reisen ist nicht mehr zulässig. Touristen müssen daher ab der nächsten Woche die Rückreise antreten. Bildungseinrichtungen bleiben vorerst geöffnet.

Die Einhaltung der Maßnahmen soll diesmal massiv überwacht werden. Die Politik verspricht, dass der private Wohnraum davon ausgenommen sei und die Maßnahmen dazu beitrügen, dass die Situation an Weihnachten wieder besser sei. Letzteres ist allerdings schlecht nachvollziehbar. Niemand kann vorhersagen, wie die Situation zu Jahresende aussehen wird.

Wie kann man die Situation und die Maßnahmen beurteilen?

  • Über den gesamten Sommer galten bereits etliche Schutzmaßnahmen, wie Abstandsregeln, das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen an Orten hoher Frequentation (Supermarkt etc.), Hygieneregeln usw. Dass dennoch ein so enormes Infektionsgeschehen vonstatten ging lässt darauf schließen, dass die Regelungen in zu vielen Bereichen nicht eingehalten wurden. Dafür zahlt jetzt die gesamte Gesellschaft einen sehr hohen Preis.
  • Dieser Effekt lässt sich nicht nur in Deutschland beobachten. Andere Länder sind bereits deutlich stärker betroffen. Die Verweigerungshaltung könnte man somit ein Stück weit als normales menschliches Verhalten rechtfertigen. Andererseits kann man argumentieren, dass der Instinkt eines Individuums der momentanen Situation schlicht nicht gewachsen ist.
  • Die Maßnahmen kommen erneut sehr spät und werden dadurch teurer als wenn sie früher ergriffen worden wären. Möglicherweise hätte geholfen, wenn in den vergangenen Monaten Regelverstöße konsequenter unterbunden worden wären. Ich vermute allerdings, dass das schon alleine aus Kapazitätsgründen nicht leistbar gewesen wäre.
  • Mich persönlich schränkt der erneute Lockdown nicht sonderlich stark ein (bzw. ich empfinde es nicht so, weil ich die Maßnahmen als nachvollziehbar und notwändig erachte). Ärgerlich finde ich, dass er Mitbürger einschränkt, die sich bereits in den vergangenen Monaten durch angepasstes Verhalten engagiert haben. Ich denke beispielsweise an Gastronomen, die ihre Gäste konsequent an das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung erinnert haben und die jetzt ihre Pforten schließen müssen, weil zu viele selbiges eben nicht getan haben.
  • Die Situation wird sich bis Ende des Jahres nicht ausreichend entspannt haben, denn es wird nach wie vor zu viele Mitbürger geben, die nach Möglichkeiten suchen werden, die Maßnahmen umgehen zu können. Ich bin absolut kein Freund des harten Durchgeifens und setze stets auf die intrinsische Motivation jedes einzelnen. Jedoch erfordert die Situation, diejenigen, die keine Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen möchten, daran zu erinnern, dass sie Verantwortung übernehmen müssen. Es gibt Dinge, die jeder einzelne für sich entscheiden kann. Und es gibt Dinge, die eben nicht jeder einzelne für sich entscheiden kann.

Im Frühjahr war ich beeindruckt, wie die gesamte Gesellschaft an einem Strang gezogen hat. Die Politik hat in der Urlaubszeit ermöglicht, dass die Menschen reisen konnten. Leider sehe ich derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich die Gesellschaft jetzt nochmals so solidarisch zusammenrauft wie im Frühjahr.