Sind die jüngsten Beschränkungen gerechtfertigt?

Die von uns zu stemmenden Kosten für die seit Montag gültigen Beschränkungen der Wirtschaftstätigkeit sind immens. Zudem leidet unsere Gesellschaft unter den Kontaktbeschränkungen. Selbstverständlich müssen wir uns fragen, ob wir damit ein sinnvolles Ziel verfolgen und ob dieses auch erreicht werden kann.

Ich schaue daher zurück auf die ersten Beschränkungen im Frühjahr. Wir hatten damit erreicht, dass die Infektionszahlen wieder auf ein handhabbares Maß gesunken waren. Die Politik hat sich engagiert, dass in der Urlaubszeit Reisen ermöglicht wurde. Wäre das nicht erfolgt, wäre die Reaktion der Bevölkerung potentiell nicht mehr steuerbar gewesen.

Nachdem die Infektionszahlen gedrückt waren, kam es hin und wieder zu lokalen Brennpunkten, an denen es zu vermehrten Infektionen kam. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie “gefährlich das Virus” ist. Besonders gefährlich ist das Virus aber nicht per se, sondern eher deshalb, weil bereits infektiöse Mitbürger das selbst nicht wissen, ob milder Symptome nicht wahrhaben wollen oder bewusst trotzt eindeutiger Symptome sich nicht testen lassen und weiter die Öffentlichkeit aufsuchen, weil sie auf die Konsequenzen ihrer Infektion (Quarantäne) “keine Lust haben”.

Welch enormen Schaden ein einzelner Infizierter beispielsweise durch einen Restaurantbesuch verursachen kann, lässt sich hier und hier nachlesen. Nach 60-90 Minuten hatte ein Infizierter 9 weitere Personen angesteckt.

Solange es insgesamt relativ wenige Infizierte gibt, kommt es zu lokalen Brennpunkten dort, wo ein Infizierter unter günstigen Übertragungsbedingungen mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Begünstigende Übertragungsbedingungen beinhalten geringen Abstand zu anderen Menschen (direkte Tröpfchenübertragung), Virenkonzentration in der Luft durch Atmung, Husten oder Niesen der infizierten Person (Aerosole) sowie Kontamination von Oberflächen durch die infizierte Person, mit denen anschließend noch nicht infizierte Personen in Kontakt kommen. Mittlerweile liegen nicht mehr einzelne Brennpunkte vor. Das Infektionsgeschehen hat sich inzwischen recht gleichmäßig verteilt. Selbst die nordöstlichen Bundesländer mussten einsehen, dass sie nicht verschont bleiben werden. Um den Prozess zu beschreiben, wird mittlerweile die Percolationstheorie herangezogen.

Bleiben wir beim Restaurantbeispiel. Wieso müssen die Betriebe jetzt geschlossen bleiben? Reicht es nicht, wenn sie sich an die bislang geltenden Regelungen halten? Ist das Risiko, dass hin und wieder ein lokaler Brennpunkt entsteht, nicht tragbar?

Ohne Genaueres zu wissen vermute ich, hinter der Schließung stehen mehrere Gründe.

  • Es gibt schlicht zu viele Betriebe, die sich nicht bzw. nicht im erforderlichen Maße an die Regelungen halten. Die Einhaltung der Regeln durch regelmäßige Kontrollen sicherzustellen ist schlicht nicht leistbar.
  • Selbst die Betriebe, die sich an die Regelungen halten möchten, schaffen das nicht gut genug, weil sie nicht sicherstellen können, dass die Regelungen fachlich korrekt umgesetzt werden. Darüberhinaus habe ich selbst in gut geführten Häusern in den letzten Wochen feststellen können, dass nicht ausreichend gelüftet wird, um die Aerosolbelatung niedrig zu halten. Nicht zuletzt hat man darauf als Gast bei kühler Witterung auch keine Lust.
  • Zu viele Gäste hinterlassen keine korrekten Kontaktdaten, die im Falle eines Infektionsgeschehens eine Nachverfolgung ermöglichen. Zu kontrollieren, dass die Gäste korrekte Daten hinterlassen, ist schlicht nicht leistbar.
  • Dem Unwillen, korrekte Kontaktdaten zu hinterlegen, leistet nicht zuletzt die Polizeit Vorschub. Die Daten werden mitnichten, wie den Gästen suggeriert wird, ausschließlich zur Pandemiebekämpfung, sondern auch zur Strafverfolgung eingesetzt. Hier leistet ausgerechnet die Polizei der Gesellschaft einen Bärendienst.
  • Die Gesundheitsbehörden haben somit schon kaum mehr Chancen, im Falle eines Infektionsgeschehens die möglicherweise Infizierten identifizieren zu können. Darüberhinaus hörte ich, dass die Betroffenen bei einer Befragung potentiell falsche Angaben machen. Wer möchte schon, dass ein guter Freund aufgrund der eigenen Aussage durch Vorbeugequarantäne Unannehmlichkeiten hinnehmen muss?

Andere Situationen, wie etwa kulturelle Ereignisse, sind noch schwieriger zu handhaben. Besonders problematisch ist der, aus guten Gründen, besonders geschützte Privatbereich.

Großflächig finden wir derzeit viele Infizierte vor. Ohne Gegenmaßnahmen steigt das Risiko enorm, dass plötzlich sehr sehr viele Brennpunkte entstehen und die Infektionsrate unaufhaltsam explodiert.

Die Maßnahmen sind fraglos unangenehm und sehr teuer. Sehr viele Infizierte, von denen viele monatelang ausfallen, sowie zahllose Tote und Langzeitgeschädigte bieten sich als Alternative an.

Die Maßnahmen sind aus meiner Sicht absolut nachvollziehbar und sinnvoll, kommen erneut sehr sehr spät und sind alternativlos.